Weihnachtsbrief 1994
Im Geschäftsleben geht es am Jahresende immer um Umsatzzuwächse, Statistiken und Bilanzen. Das soll dieses Jahr, ein für die Firma sehr erfolgreiches Jahr, nicht der Inhalt meiner Botschaft an Sie sein. Vielmehr möchte ich ein paar persönliche Worte an Sie richten und Ihnen eine kleine Geschichte erzählen, die mich persönlich zum Nachdenken angeregt hat.
Ich möchte Danke sagen, Danke an Sie alle, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, egal an welchem Platz Sie stehen. Ohne Sie wäre die Firma nicht das, was sie jetzt ist. Unser Unternehmen, das sind seine Menschen: das sind Sie.
Ihre Ideen, Ihre Kreativität, Ihr Einsatz haben uns mit 700 Millionen das beste Ergebnis in der Firmengeschichte beschert.
In den nächsten Tagen wird das Jahr ausklingen und wir merken schon, wie das neue Jahr Luft holt, weil es uns ab Januar wieder in Atem halten will.
Weihnachten ist ein seltsame Zeit, eine Zeit mit Kerzen und Weihnachtsbeleuchtung. Schön wäre, wenn es auch eine Zeit der Erleuchtung wäre. Folgende Geschichte - der Autor Heinrich Spoerl nennt sie ein Märchen - handelt von einem jungen Mann, der voll freudiger Erwartung war, aber nicht warten konnte... bis ihm die "Erleuchtung" kam.
Es war einmal ein junger Bauer, der wollte seine Liebste treffen. Er war ein ungeduldiger Gesell und viel zu früh gekommen. Und verstand sich schlecht aufs Warten. Er sah nicht den Sonnenschein, nicht den Frühling und die Pracht der Blumen. Ungeduldig warf er sich unter einen Baum und haderte mit sich und der Welt.
Da stand plötzlich ein graues Männlein vor ihm und sagte: "Ich weiß, wo dich der Schuh drückt. Nimm diesen Knopf und nähe ihn an dein Wams. Und wenn du auf etwas wartest und dir die Zeit zu langsam geht, dann brauchst Du nur den Knopf nach rechts zu drehen und du springst über die Zeit hinweg bis dahin, wo Du willst."
Das war so recht nach des Burschen Geschmack. Er nahm den Zauberknopf und machte einen Versuch und drehte:
Schon stand die Liebste vor ihm und lachte ihn an. Das ist schön und gut, dachte er, aber mir wäre lieber, wenn schon Hochzeit wäre. Er drehte abermals: und saß mit ihr beim Hochzeitsschmaus, und Flöten und Geigen klangen um ihn. Da sah er seiner jungen Frau in die Augen: Wenn wir doch schon allein wären. Wieder drehte
er heimlich und da war tiefe Nacht und sein Wunsch erfüllt. Und dann sprach er über seine Pläne. Wenn unser neues Haus fertig ist - und drehte von neuem an dem Knopf: da war Sommer und das Haus stand breit und leer und nahm ihn auf. Jetzt fehlen uns noch die Kinder, sagte er, und konnte es wiederum nicht erwarten. Und drehte, drehte dass sein Leben an ihm vorbeisprang, und ehe er sich's versah, war er ein alter Mann und lag auf dem Sterbebett.
Nun hatte er nichts mehr zu drehen und blickte hinter sich. Und merkte, dass er schlecht gewirtschaftet hatte. Er wollte sich das Warten ersparen und nur die Erfüllung genießen, wie man Rosinen aus einem Napfkuchen nascht. Nun, da sein Leben verrauscht war, erkannte er, dass auch das Warten des Lebens wert ist erst die Erfüllung würzt. Was gäbe er darum, wenn er die Zeit ein wenig rückwärts schrauben könnte! Zitternd versuchte er, den Knopf nach links zu drehen. Da tat es einen Ruck, er wachte auf und lag noch immer unter dem blühenden Baum und wartete auf seine Liebste. Aber jetzt hatte er das Warten gelernt.
Alle Hast und Ungeduld waren von ihm gewichen; er schaute gelassen in den blauen Himmel, hörte den Vöglein zu und spielte mit den Käfern im Grase. Und freute sich des Wartens.
(Heinrich Spoerl)
Ich wünsche Ihnen ein geruhsames Weihnachtsfest, einen guten Rutsch und ein erfolgreiches 1995.
Ihr Jürgen Saalwächter
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